Predigtgedanken zum 2. Sonntag nach Ostern

Als Jesus getauft war, stieg er gleich aus dem Wasser. Und seht, die Himmel öffneten sich, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabschweben und auf sich kommen. Mt 3, 16

Ganz tief unten in einem Durchgang des Capitolischen Museums in Rom liegen duzende von beschrifteten Votivtafeln. Auf den Steinplatten sind Gedenk-, Erinnerungs-, Lobes- und Dankessprüche eingraviert. Die Tafel mit den Füssen und der Taube ist besonders schön. Ein Römer namens Jovinus bittet die Himmelsgöttin Caelestis um eine glückliche Reise und eine gesunde Heimkehr. Seine Füsse sind beim Verlassen des Hauses und bei seiner Heimkehr gesegnet. Ein schönes Bild. Es erinnert an das Lied in unserem Gesangbuch „Ausgang und Eingang, Anfang und Ende, liegen bei Dir Herr, füll du uns die Hände“.

Was aber hat es mit der Taube auf sich? Die Taube kennen wir als christliches Symbol für den Heiligen Geist. Wer kennt nicht die Bilder der Taufe Jesu, auf welcher über seinem Kopf im offenen Himmel eine Taube ihr Flügel ausbreitet. Wer hat nicht schon von Noah’s Arche gehört? Im ersten Buch Mose bringt die Taube einen Ölzweig zurück. Noah, der auf das Ende der Sintflut wartet auf der Arche, hat sie losgeschickt, um festes Land zu suchen. Unternehmen wir nicht auch in unseren Gedanken oftmals geistig eine Reise auf der Suche nach einer Erklärung für ein Schicksal oder nach einem Sinn für das eigene Leben?

Eine römische Göttin und eine christliche Taube? Hat sich hier vielleicht etwas vermischt? Hat ein römischer Christ etwa auch noch der Caelestis, der römischen Himmelsgöttin vertraut? Das Bild der Taube erscheint zur selben Zeit jedenfalls auch auf Grabinschriften in den unterirdischen Gräbern der Christen in den sogenannten Katakomben. Es war vieles im Wandel. Der Tempel der Dea Caelestis, der übrigens direkt über dem Durchgang des Museums auf dem Hügel des Capitols in Rom stand, ist seit dem fünften Jahrhundert eine wunderschöne Kirche. Nur die Säulen, die den Saalbau tragen, sind noch aus vorchristlicher Zeit.

Ausgang und Eingang. Ausgang gibt es heute schon lange keinen mehr. Wo soll es denn auch hingehen? Auf den Seen fahren keine Schiffe. Jedes „Jägerstübli“ ist geschlossen. Selbst die Gottesdienste sind abgesagt. Am Abend beschränkt sich der Ausgang auf einen Rundgang durchs Dorf. Aber das einzige offene Haus, ist das eigene, wo hin auch bald alle wieder zurückkehren. Nein, der Ausgang ist gestrichen.

Und der Eingang? Seit vielen Tagen sind die Sensoren über den Schiebtüren der Wohnhäuser für Senioren ausgeschaltet. Dafür hängen an den Glasscheiben rote Informationen, die auf die Gefahren der Krankheit für ältere Menschen hinweisen. Nur wenige Eingänge sind noch offen. Dort, wo das Nötigste gekauft werden kann. Die Ausgänge und Eingänge sind heute weder offen noch wirklich gesegnet. Ausgang und Eingang sind geschlossen. Das Leben setzt uns Grenzen.

Aber das Leben endet nicht vor verschlossenen Türen.

Das Leben ist mehr als eine Reise durch die Strassen ohne offene Läden, vorbei an geschlossenen Restaurants. Es endet nicht an den Grenzkontrollen der Zöllner. Es bleibt nicht stehen vor den ausgeschalteten Bewegungsmelder der Altersheime. Es stürzt nicht ab mit den überlasteten Servern der Onlinehändler. Es entleert sich nicht mit den leeren Kirchenbänken. Zwei Meter Abstand lassen Freundschaften nicht austrocknen. Das Nichtstun führt nicht ins Nichts.

Die Taube führt den Menschen durch das Leben. Das Leben folgt nicht nur den Wegen der Vernunft. Es folgt den Wegen des Herzens, der Gefühle und der Hoffnung. Der Geist Gottes öffnet dem Menschen stets ein kleines Fenster zum Himmel. Nicht alle Wege führen über die Erde. Mancher Weg führt zuerst in Gedanken durch die Weiten des Himmels. Bevor ein Mensch seinen ersten Schritt auf seinem wahrhaftigen Weg geht, wird er den Flügelschlag der Taube in seinem Herzen fühlen. Der feine Hauch der Federn, eine luftiger Gedanke, eine Anflug von Verliebt sein lässt ihn aufbrechen auf seinem Weg zum Licht und zum Glück.

Es ist die Hoffnung auf das Reich Gottes, welches uns motiviert, sagen die einen. Es ist die Liebe Gottes zu den Menschenkindern, die uns leitet, sagen andere. Diese nennen es den Heiligen Geist. Andere sprechen vom Glauben, von der Gnade, dem Segen.

Jovanus übertrat die Schwelle und verliess sein Haus. Er folgte einfach der Taube. Wer immer diese Taube war. Er ging ihr nach im Vertrauen, sie werde ihn wieder heimführen.

Sind wir nicht alle auf dem Heimweg, den nur die Taube kennt? Wer immer sie auch sein mag: „Sie allein weiss, wo der Himmel offensteht“.

Gott segne Sie und behüte Sie. Pfarrer Christian Bühler. Oltingen-Wenslingen-Anwil