Predigtgedanken zum Psalm 16 und Pfingsten

„Darum freut sich mein Herz und jauchzt meine Seele, auch mein Leib wird sicher wohnen.

Denn du gibst mein Leben nicht dem Totenreich preis, du lässt deinen Getreuen das Grab nicht schauen.

Du zeigst mir den Weg des Lebens, Freude in Fülle ist vor dir, Wonne in deiner Rechten auf ewig.“     

So zitiert Petrus aus dem 16. Psalm an Pfingsten.

Wahrscheinlich ist es auch in diesem Jahr so, dass auf den Strassen an Pfingsten mehr Menschen unterwegs sind, als in der Kirchen Platz finden würden. Es kam vor, dass auch ich an Pfingsten nach dem Gottesdienst auf dem Weg zum Neuenburgersee an der Raststätte Deitingen Halt machte. Und davon möchte ich berichten. Denn so wie dem Petrus an Pfingsten David in den Worten des 16. Psalms erschien, glaubte ich diesen David auf dem Rücksitze eines Familienwagens erkannt zu haben.

Es ist Mittag. Der Asphalt glüht seine Hitze durch meine Gesichtshaut. Das kühle Grau des Randsteins wirkt beruhigend. Vor ihm machen die gierigen Motorhauben des Autos endlich Halt. Ansonsten sind hier alle Übergänge fliessend.

Der Gehsteig senkt sich hinab zum öligen Boden, der unter den Blechdächern der Tankstelle hervor fliesst. Mit einem unscheinbaren Graubschen fliesst die Glas Türe in ihre Verankerung zurück und gibt den Weg frei in die gekühlte Erholungszone für Körper und Geist. Musik und Kaugummi, Bilder vom Schwarzsee hinter Bergen von salzigen Zweifeln geben die Kulisse für einen Saft- und Kaffeeautomaten. Er bietet die üblichen Variationen von hellem Kaffee mit Zucker bis zu Bouillon ohne Kakaopulver. Wie auch immer, die Suppe hinterlässt auch hier fliessend ihren Geschmack in allen Getränken. Beim Warten vor der Kasse habe ich immer dieselben dummen Gedanken. Ob wohl die Verkäuferinnen einen eigenen Eingang zur Raststätte haben? Wohnen sie auch in einem normalen Dorf? Wie lautet schon wieder der Code der Karte meiner Frau, weil ich meine vergessen habe? Eintippen. Richtig. «Nein, keine Quittung.» Und schon bin ich wieder draussen an diesem Pfingstsonntag. Auf dem Weg zurück zum Auto bleibe ich einen Moment stehen und schaue über den feinen Grünstreifen hinüber auf den Fluss der Autos.

Da ein Kind. Es sitz auf dem hintersten Sitz eines Galaxy – eines grünen Ford Galaxy. Es ist ein Junge mit blonden Locken, schmächtig und braun ist sein Gesicht. Ein Holländer? Sein Blick streift die Landschaft, deren Teil ich selber bin, mit den Augen eines Hirtenjungen. Unsere Blicke treffen sich. Sein Blick sagt mir: «Ich hüte dich, vertraue mir!»

Ich bin berührt von seinem Blick. Seine Kleider sind aus Wolle, gewobenes braunes Tuch. Am meisten wundert mich sein Hirtenstab im modernen Auto. Ich hebe den Finger und grüsse. Aber hier geht alles so schnell. «Wohin gehst du? Was wirst du dort finden? Wann wirst du da sein?» Der Strom reisst das Gesicht des Buben mit sich fort. Nur eine dünne Reihe Oleander schützt mich vor dem reissenden Strom auf dem sie alle irgendwann, irgendwo, irgendetwas finden werden.

Auch Petrus erinnert sich an Pfingsten an David, sieht ihn vorbekommen, zitiert seine Worte «… Denn du gibst meinem Leben nicht dem Totenreich preis …»  Petrus erinnert sich an David, wie er da stand, an lieblicher Stätte. Wie wohl die Raststätte der Könige aussah? Wir wissen so wenig. Er steht da im Gebet versunken und sieht sein Leben an sich vorbeifliessen bis in die Zukunft. Die ruhigen Atemzüge des Hirten, die Wärme des Salböls auf seinen Haaren, der Blitz in seinen Augen, als er den Stein schleudert, die Schwingung der Hüften beim Tanzen vor der Lade, die blanke Angst in den Hüftknochen, als die Schuld an sein Herz klopft und Nathan ihm ins Gesicht sagt: «Du, bist der Mann!»

Es fliesst vorbei und fliesst und irgendwo steht der Tod vor seinen Augen. Aber auch er bleibt ein Durchgang, eine Galerie, ein Tunnel und dahinter taucht die Ewigkeit auf. Ein Hauch Heiliger Geist strömt durch David und erfasst ihn. Er taucht ein in den ewigen Strom des Lebens, besteigt die Barke und singt sein Lied: «Denn du gibst mein Leben nicht dem Totenreich preis!“ David erscheint, als Petrus in der Pfingstpredigt seinen Namen ruft, eintausend Jahre später. Sie kommen ihm vor wie ein Tag, als er Petrus mit seinen Worten  beten hört. Er schaut auf Petrus und hebt die Hand zum Gruss.

So hab ich ihn auch gesehen im Gesicht jenes Jungen an Pfingsten jenseits des grünen Streifens, aufrecht mit dem leuchtenden Blick eines Königs, als würde der Schleier der Zeit, den unsere Vernunft über die Dinge zieht, für einen kurzen Augenblick zerrissen.  Himmel und Erde, Tod und Leben, Zeit und Ewigkeit, Bewusstsein und Heiliger Geist haben sich in Bruchteilen berührt. Aufgebrochen ist, was uns trennt vom ewigen Fluss des Lebens, aufgerissen hat der Heilige Geist, was uns trennt von Gott.„Seht ihr ihn?“ ruft Petrus begeistert, „David  lebt, wie er verheissen hat. Es gibt kein Nirgendwo, er fiel nicht ins Nirgendwann um Nirgendwas zu finden.  Er wird ankommen bei Gott.“

Natürlich war es kein Hirtenjunge, den ich dort gesehen habe. Es war ein ganz normales Kind. Es sind ganz normale Kinder, Väter und Mütter, die da draussen auf der A1 vorbeifahren. Das ist es ja, das Wunder von Pfingsten, dass es uns alle mitreisst, alle in den Strom des Lebens wirft, indem wir aufgehoben sind, weil er nicht ins Leere fliesst. Die Ewigkeit ist nicht leer. Der Fluss des Lebens fliesst in die Stille der Meere, die Ewigkeit, in Gottes Herz.

Da draussen, auf der der anderen Seite des Grünstreifens, da wo alles fliesst, da ist das Leben, dem auch ich angehöre. Unendlich, unbegreiflich und unverständlich. Da fliesst der Verkehr und trägt die Menschen durch die Zeit, ein gewaltiger Strom, wie der Geist Gottes, dem auch wir angehören und indem wir uns alle wieder erkennen werden, Jesus, Petrus, David und dich, die ich vermisse und den ich nur viel zu kurz geschaut habe. Wunderbar, wie der Stuttgarter Psalter den 16. Psalm ebenfalls mit einem Strom von Wasser illustriert.