Pfingsten. Ein besonderer Impftermin

Unser Sohn stand vor der Pinnwand im Hauseingang und rief erstaunt: «Du hast einen Impftermin?» Ich habe aber keinen. «Warum meinst du?» «Da auf dem grünen Zettel steht «Moderna». Ich dachte, das sei dein Impftermin». Nun ist es ja tatsächlich so, dass in der Schweiz der Impfstoff der Firma Moderna verabreicht wird. Das Missverständnis war aber schnell geklärt, denn es handelte sich beim besagten Zettel um die Auftragsbestätigung der Textil Reinigungsfirma Moderna. Der Moderna habe ich meinen Talar zur Reinigung anvertraut habe. Auf Pfingsten soll das ehrwürdige Kleidungsstück wieder einmal wohlriechend und sauber sein.


Nun haben eine Chemisch Reinigung und die Impfstofffirma Moderna ausser der Chemie keine Gemeinsamkeiten. Aber hat der Talar die Schutzwirkung einer Impfung? Ich zähle eher zu den sogenannten „vernünftigen Theologen“. Die Plakate an Kirchentüren mit der Aufforderung einzutreten, weil die Gemeinschaft die Immunabwehr stärke, haben mich eher erschüttert. Nein. Ein Talar schützt nicht vor Viren!


Aber bewahrt mich der Talar nicht vor anderen modernen Gefahren. Ist es möglich, dass die Moderne, in der so viel Unsinn und Unrat viral geht, in der das Unrecht sich
ausbreiten kann, einer besonderen, schützenden, geistigen Tradition bedarf? Kann die reformierte Tradition, deren Sinnbild in diesem schmucken Kleidungsstück zum Ausdruck kommt, vor gesellschaftlichen Entwicklungen schützen, die das Leben in Frieden,Solidarität und Gerechtigkeit krank machen?


Als ich damals den Talar bei Heidi Niklaus in Anwil in Auftrag gab, besuchte ich das Hugenottenmuseum in Berlin. Die „Reformierten Franzosen“ flüchteten vor Verfolgung und Unterdrückung ins evangelische Berlin. Am Eingang war ein fast 400 Jahre alter Talar ausgestellt. An diesem Kleid hing ein Geruch von Freiheit, Widerstand gegen Unterdrückung, Gemeinschaftssinn und Nächstenliebe. Dieser Talar verströmte den Geist der Bergpredigt Jesu.


An Pfingsten startete vor 2000 Jahren ein Impfprogramm mit dem Geist, den Jesus in die Welt brachte. Es sollte die Schwachen stärken, den Armen Hoffnung geben, den Traurigen Trost, den Verstossenen ein Recht auf Zugehörigkeit und den Opfern von Unrecht und Gewalt das Recht auf Wahrheit Würde. Er impfte die „Sterbliche Welt“ mit der Substanz des Ostermorgens. Damals wurde mir bewusst, dass wenn ich mich in dieses Kleid stürze, dann impfe ich mich wie alle Christen mit dem Geist der Bergpredigt und dem Licht des Ostermorgens.


Natürlich werde ich nicht mit dem Talar auf dem Euro Airport Basel versuchen in ein Flugzeug zu steigen. Der Heilige Geist schützt nicht vor Viren. Er schützt die Kranken vor Einsamkeit, vor Angst und dem Gefühl von Verlassenheit. Nein ich nehme natürlich den Impfausweis ins Portemonnaie.


„Versorge mich im Portemonnaie“, steht auf meiner Auftragsbestätigung der Chemisch Reinigung Moderna. Für den Glauben gilt eher: „Nimm es dir zu Herzen, dass Du mit dem Geist der Nächstenliebe geimpft bist!“
„Versorge mich im Herzen“, sagt darum die Liebe.