Wort zum neuen Tag 06.04.2020

Der Palmsonntag

Die Jünger gingen und taten, was Jesus ihnen befohlen hatte,  brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider auf sie, und er setzte sich darauf. Eine riesige Menschenmenge hatte auf dem Weg ihre Kleider ausgebreitet, einige schnitten Zweige von den Bäumen und breiteten sie auf dem Weg aus. Matthäus 21,6

Guten Tag!

Warum heisst eigentlich der Palmsonntag nicht Kleidersonntag? Warum legten die Jünger ihre Kleider auf den Esel? Warum warfen die Menschen ihre Kleider auf den Weg, auf dem Jesus nach Jerusalem geritten ist? Die «Warumfragen» sind keine guten Fragen, denn sie führen letztendlich immer weiter zurück, bis zur Frage: «Warum hat Gott die Welt geschaffen? Warum gibt es überhaupt Leben?» Vielleicht hat die Kleiderfrage etwas mit der Lebensfrage zu tun?

Warum Kleider? Kleider sind Hüllen. Kleider sind die Stoffe, die uns umgeben. Kleider sind um uns gelegt, liegen auf den Schultern und bedecken unsere Herzen. Sie umschliessen auch unsere Knöchel, kennen unsere Wege aus nächste Nähe. Sie sind das, was uns ganz persönlich umgibt. Sind Kleider nicht mehr als Kleider? Sie sind die Atmosphäre, in die unser Leben gehüllt ist. Es gibt Trauerkleider und Umstandsmode. Es kann Trauer sein, mit der wir uns kleiden. Es kann eine Erwartung sein mit der wir uns kleiden. Es kann Angst sein hinter Sonnenbrillen. Es gibt Schutzmasken und Skihelme. Es kann Glück sein oder Unglück, Geselligkeit oder Einsamkeit. Kleider sind die Hülle unserer Person, die Hülle unserer Seelen, die Atmosphären und Stimmungen, die uns umgeben.

Jeder Mensch ist mit seiner je eigenen Gestimmtheit, seiner eigenen Stimmung gekleidet unterwegs. Das Leid, welches ihn umgiebt, der Friede, welcher ihn begleitet oder die Erwartung der Geburt eines Kindes finden ihren Ausdruck in der seelischen Gestimmtheit und den Gefühlen.

Legen die Menschen Jesus ihre Kleider auf den Weg, so öffnen sie sich ihm und laden ihn ein, in ihre Stimmung, in ihre Gefühle und in ihre persönlichsten Sphären einzutreten. Jesus zieht durch ihre offenen Mäntel in ihre Seelenlandschaften ein.

Es gibt Künstler, wie der Engadiner Maler Segantini, der die Stimmung und Atmosphäre einer schwangeren Bäuerin auf dem Weg durch die Ebenen bei Sils mit seinen Farben und Pinselstrichen aufbrechen und öffnen konnte. Er geht mit seinem Bild durch ihre Seelenlandschaft. Er entwirft in den Bergen des Engadins ihre innere Gemütslage.

Die betenden Hände über dem werdenden Kind, spiegeln sich in der aufgehenden Sonne über den Bergen. Noch ist das Kind nicht da, aber die zarten Lichtflüsse auf dem Weg der Frau und die Wölbung des Bauches lassen das werdende Glück erahnen. Das Leben kündet sich über den Bergen ebenso leise an, wie in den Gedanken und im Herzen der schwangeren Frau. Segantini hat die Seele der Frau in Erwartung des Lebens gemalt und sie mit dem Licht der Morgendämmerung gekleidet.

Jesus hat an Palmsonntag die Gemütslage der Menschen, die nach dem Leben hungern, die sich nach Frieden sehnen, die Trost suchen ebenso ans Licht gebracht. Die Menschen vor Jerusalem breiteten ihre Kleider vor im aus und er schaute in ihre Herzen. Und sie streuten Zweige auf seinen Weg. Abgebrochen von Bäumen, die unter der Sonne gewachsen waren. Sie sahen den Ostermorgen aufleuchten über den Bergen ihres Lebens. Er leuchtete bei ihnen auf. Gott hat sie in ihrem Inneren längst vor Ostern mit ihrem Licht berührt. Das Leben zog durch ihre Seelen. Sie sahen in ihrem Leben die Zukunft vorbei kommen. An den grünenden Zweigen konnten sie es erkennen.

Warum die Kleider, warum das Leben? Weil unter jedem Mantel ein Herz schlägt mit seinen Sorgen und Freuden. Weil Gott die Zusage machte am Ostermorgen, dass das Leben für jeden Menschen einen Weg zum Licht hat.

Ich wünsche Ihnen einen guten Tag und bleiben sie gesund. Pfr. Christian Bühler

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